Texte


Panto Mim - Miniatur
Eine absurde Kurzgeschichte
von Ulrike Kapfer
gelesen von Simon Jäger
...Der besagte Pantomime hatte diese „Kunst“ bis zur unerträglichen Vollendung gebracht, indem er nicht nur stunden-, sondern tagelang in ein und derselben Pose verharrte.
Zudem hatte er es sich scheinbar auf seine Fahnen geschrieben, nicht irgendein Still-Pantomime zu sein, sondern als der witzigste seiner Art in die Geschichte einzugehen.
Es hatte an ein Ärgernis gegrenzt, wie wenig ihm das – auch nach monatelangen Übungen - gelungen war.
Allein – es hatte nicht ein einziges Mal jemand gelacht!
Niemand. Nie.
Zug der Liebe - Eine Erlebnisminiatur
Es war fantastisch! Die Beatsteaks in der Wuhlheide in Berlin. Was für eine Band, was für ein Publikum – Wahnsinn. Ein Fest!
OK. Wir danach mit postorgasmischem Grinsen in die S-Bahn, in Berlin HBF umsteigen in die Regionalbahn nach Potsdam.
Auf der Treppe hinauf ins obere Abteil lungert ein Mittzwanziger zwischen Bierflaschen, deren Bekanntschaft er offensichtlich schon in vollen Zügen genossen hat. Seine Sitzposition, der Kopf hängt etwa auf Höhe seines Gemächts, ermöglicht ihm maximale Nähe zu seiner aktuellen Maurerbrause auf der Stufe tiefer.
Irgendein Vogel aus der Gruppe seiner grölenden Bekannten, die hinter ihm auf den Sitzen lümmeln, erheitert sich daran, den Gebeugten beharrlich mit Bier zu bespritzen.
Mein Bauch sendet ersten zarten Alarm.
Will ich mir das antun, was da gerade an zwischenmenschlichem Abriss ins Rollen kommt? Ich denke – und es wird nicht das einzige Mal bleiben in dieser Nacht: Oh je. Die armen Schaffner.
Dann: Ein Telefon klingelt. Lebenszeichen beim Gebeugten, er zieht das Handy aus der Hose und geht ran. Man hört, wie sich etwas Schrilles aus dem Telefon befreit.
Der Minimalalarm putzt sich zu einer Waldbrandstufe 2 heraus.
Der Gebeugte sagt – nicht mehr ganz Herr seiner Artikulationsorgane – zu, wirklich demnächst zu Hause zu sein, er klingt kleinlaut.
Dieses Schrille, das da gerade aus dem Telefon ins Abteil geflossen ist, hat etwas geweckt.
Ich fühle es, weil es mir immer schwerer fällt, mich auf das Beatsteakserlebnis zu konzentrieren.
Der Gebeugte erhebt sich, lotet die eigene Längsachse aus, dreht sich zu dem Typen um, der ihn mit Bier parfümiert hat, und scheint Bedrohliches zu äußern. Ich kann nur die beschwichtigenden Repliken des anderen hören.
Jesses, denke ich wieder, die armen Schaffner.
Und: Ganz klar, wir erhöhen auf Waldbrandstufe 3.
Die anderen Kumpane mischen sich ein. Eine junge Frau bietet lallend eine brennende Friedenszigarette an.
Jesses, denke ich schon wieder, die armen Schaffner.
Die Friedenszigarette hilft nicht. Die Schlägerei unter den Bierbrüdern weitet sich auf Unbeteiligte aus. Der Zug macht eine Notlandung in Wannsee. Die Polizei rückt an.
Wir hechten zur S-Bahn. Mit uns steigen ein Mann und dessen Freundin ein. Beide haben vollbepackte Räder dabei.
Es ist mittlerweile etwa halb eins.
Alle Sitzplätze im Fahrradabteil sind besetzt mit Leuten zwar ohne Fahrräder, aber dafür in Hippie-Kostümierung, mit Perücken und so viel Alkohol im Blut, dass man aus ihrem Atem biozertifizierte Waffen häkeln könnte.
Sie waren beim „Zug der Liebe“.
Jedenfalls, der Radler bittet ganz höflich darum, ob man für sein Fahrrad und das seiner Freundin bitte Platz machen könne.
Die Plastehippies starren ihn herausfordernd an.
Ich bin irritiert. Aufgeschreckt. Müsste da nicht irgendeine verbale Reaktion kommen? Sowas wie „Hey, na klar! Ist ja ein Fahrradabteil. Peace!“
Immerhin war das hier die Mission des diesjährigen Zugs der Liebe:
Wir stiften junge Menschen dazu an, neue Wege für sich zu erkennen, wollen eine Vision vermitteln, wie Füreinander einstehen, mehr Verständnis für andere, und gegenseitige Rücksichtnahme, letztlich uns alle voneinander profitieren lässt. Wir glauben daran, dass alles Gute, dass man anderen angedeihen lässt, wieder zu einem zurückkommt.
Gut, vielleicht versteht man die Sprache der Liebe nur, wenn man jung ist. Oder wenigstens ein echter Hippie.
Der Radler – ganz eindeutig auch verwirrt, ob des seltsamen Benehmens dieser Leute – bittet noch einmal und diesmal ganz ohne zu Nuscheln.
Ein Ledergesicht, in dem man Reste weiblicher Ausprägung erkennen kann, fühlt sich nun doch bemüßigt, kraftvoll vorzupreschen und die Stimmung einzunorden.
„Wat willstn Du Penner von uns? Wir stehn doch nich für Dein Scheiß Fahrrad uff jetze!“
Der „Zug der Liebe“ fährt gerade mit Volldampf in einen dunklen Tunnel.
Man spürt förmlich, wie sich die anderen Love-Lover dieser eisigen Böe entsprechend ausrichten. Erleichtert, nach einem anstrengenden Tag zelebrierter Liebe endlich ausatmen und jeglichen inneren Nachhall direkt vergessen zu können.
Der Mann versucht zu deeskalieren. „Hören Sie, wir kommen gerade von der Ostsee. Wir sind müde, meine Freundin hat Fieber, wir haben extra ein Fahrradabteil ausgesucht. Wir wollen einfach nur unsere Fahrräder abstellen und uns setzen.“
Seine Freundin – die in der Tat den Blässecontest gegen Graf Dracula gewinnen würde – schaltet sich ein. Auch sie freundlich, aber doch dieses Quäntchen zu selbstbewusst für die Sorte Kontrahenten, mit der sie es zu tun hat.
Das zündet den Funken.
Waldbrandstufe 4
Wortbrocken machen sich wie Kotzkrümel auf den Weg aus Hippie-Mündern, surfen kakophonisch über die Wellen ihres Spritodems hinein ins Abteil.
Von 0 auf 100 in 2 Sekunden.
Ein Typ mit dunkler Lockenperücke und dicker Yuppiebrille brüllt:
„Du Drecksalternativer mit Deiner hässlichen Freundin verpiss Dich jetzt, sonst gibt’s hier was!“ droht er.
Dann verbittet er sich das „Du“. „Du siezt mich gefälligst!“
Der Ostseereisende schüttelt nur noch den Kopf und winkt ab, hält den Mund geschlossen und sein Fahrrad fest.
Die Fiebernde dagegen spricht ruhig und souverän, was besonders Ledergesicht herausfordert. Die erkennt Zusammenhänge, die jeden ansatzweise hirngeordneten Menschen aus dem Konzept bringen müssen.
Bsp: „Du dumme Alternative hast ja noch nicht mal die Mauer erlebt.“
Chapeau! Die Synapse zu finden, die das verknüpft hat, da braucht man schon einen Nobelpreis in Kommunikationstherapie.
Locke brüllt inzwischen der Radlerin zu, sie müsse erst mal seinen „Interlekt“ haben, um überhaupt mit ihm reden zu dürfen.
„Bevor Ihr nicht meinen "Interlekt" habt, steht es Euch nicht zu, mich auch nur anzuquatschen.“
Und dann sagt Ledergesicht noch:
„Erklär mal Dummen, dass sie dumm sind, hähä.“
Locke: „Ja, das geht nicht. Dazu fehlt es einfach am Interlekt.“
Zum ersten – und einzigen – Mal müssen der Radler und ich grinsen.
Irgendwann kommt die Bahn in Babelsberg an. Die Hippies wollen raus.
Beim Aufstehen holt Locke aus und tritt mit voller Wucht gegen das Fahrrad des Mannes.
Dem platzt jetzt doch der Kragen. Er folgt Locke zum Ausgang und brüllt ihn an, was er eigentlich für ein Problem habe.
Locke wirft sich sofort auf ihn und beginnt, ihn zu würgen.
Der Radler kann sich nicht wehren, denn andere Hippies halten ihn fest.
Die Radlerin will ihm zu Hilfe eilen, lässt ihr Fahrrad los, es fällt scheppernd zu Boden. Doch sie wird von Ledergesicht aufgehalten, die sich ihr in den Weg stellt, sie in die verkeilte Menge schubst und dann ebenfalls zu würgen beginnt.
Waldbrandstufe 5
Das hier ist jetzt wahrlich nicht mehr witzig.
Mein Freund und ich stürzen dazu. Ich rufe nach den beiden Security-Leuten, die sich am Anfang des Streites hurtig aus dem Staub gemacht haben.
Kein weiterer Passagier kommt zu Hilfe.
Der Radler läuft mittlerweile rot an und beginnt zu röcheln.
Endlich tauchen die Security-Leute wieder auf. Ich frage mich, ob der Alkatem mir einen Rausch verpasst hat - sie bewegen sich super langsam.
Aber: Ledergesicht lässt die Frau los, und drängt an Locke vorbei nach draußen. Locke lässt ebenfalls ab und brüllt noch über die Köpfe seiner Fluchtgruppe hinweg: „Ich bringe Dich um!“
Der Radler hat einen tiefen Kratzer über die Kehle gezogen, der ganze Hals ist dunkelrot. Er ist den Tränen nahe.
Das muss man sich mal reinziehen: Der Mann hatte ganz freundlich um einen Platz für sein Fahrrad gebeten.
Ja, in Berlin, da erlebt man was.
Ob man will oder nicht.
Schöne Grüße.
Anleitung zum Streit
Es streitet sich besonders gut,
wenn die Vernunft einstweilen ruht.
Der Geist geht stiften,
das Ego mitnichten.
Dieses sich zu Nutz zu machen,
gibt dem Streithahn gut zu lachen.
„Doch wie es angeh´n, ist die Frage,
damit selbst den Siegeskranz man trage?“
Bekannt ist eine Hypothese,
wonach des Streits Erfolgsgenese
nicht ein leidenschaftlich´s Fechten
noch das Einklagen von Rechten
sei.
„Ei.“
Interessanter wird´s indes
durch emotional erzeugten Stress.
Am Besten geht´s, wenn gut bekannt,
wo sich der and´re fühlt verkannt.
Diese Wunde eignet sich
für den Affront ganz einträglich.
Auch durch gekonntes Missverstehen
blieb Zweisamkeit noch selten schön.
Und wenn man klug durchdacht
an der falschen Stelle lacht,
geht dies dem andern an die Nieren.
Ein Streit wird köstlich eskalieren!
Harmonie wird flugs vergehn,
bleibt man auf ´nem Standpunkt stehen,
der mit der Sache nichts zu tun hat.
Doch der Gegner geht Schachmatt!
Denn ist der and´re erst verwirrt,
unterstellt sich´s leicht, er hätt geirrt.
Er wird fuchsteufelswilde werden,
und jede Konstruktivität gefährden,
die zu bewahren er geschworen.
Dem Guten wird der Pelz geschoren...
Er wird zu Mitteln hingezogen,
um die „Kultur“ ihn hätt betrogen.
„Kultur beim Streiten??
Aus welchen Breiten
stammt dieser Unsinn überhaupt?
Streitkultur ist echt verstaubt!“
Das Gezähn wird präsentiert
und der and´re malträtiert.
Bis auf´s Blute wird gestritten,
gelogen, verdreht und zugeritten.
Ist der Widersacher so erzürnt,
wird weiter auf ihn eingestürmt.
Verletzung wird ihm unterstellt,
der man stets zum Opfer fällt.
Und überhaupt ist Opfertum
fürs Gewinnen opportun.
Doch Obacht Freunde, denket klug:
Wer Streit noch selten gut vertrug,
sollte lieber seine Hand von lassen.
Denn mit Streit ist nicht zu spaßen.
„Streit ist wie ein Nagetier.
Aus einem werden schnell mal vier.“